Edgar Allan Poe: Die Logik von Schönheit und Tod

Edgar Allan Poe: Die Logik von Schönheit und Tod
Die Basis für nahezu alle modernen Horrorgeschichten

Was macht eine gute Geschichte aus?

Darauf hat Edgar Allan Poe in Die Methode der Komposition („The Philosophy of Composition“) von 1846 eine überraschende Antwort gefunden.

Die „Einheit des Effekts“ inspiriert Schriftsteller bis heute.

Poes zentraler Gedanke: Autoren sollten ihren Texten eine einheitliche emotionale Wirkung verleihen.

Es genügt nicht, eine x-beliebige Begebenheit aus dem Tagesgeschehen herauszugreifen, sagen wir eine Nachricht auf Spiegel Online, und darum herum eine Story zu stricken.

Denn die wird Stückwerk bleiben. Es braucht eine übergeordnete Leitidee. Nur dann ist der Text aus einem Guss.

E.A. Poe und die Einheit des Effekts

Was ist diese Leitidee? Es ist die Wirkung, die der Autor beabsichtigt – die Emotion, die er im Leser hervorrufen will.

Jedes Konzept für eine Geschichte beginnt darum in Poes Worten mit der Überlegung: „Welche der zahllosen Wirkungen oder Eindrücke, für die das Herz, der Verstand oder die Seele empfänglich sind, soll ich in diesem bestimmten Fall wählen?“

Wenn die beabsichtigte Wirkung definiert ist, lassen sich die Elemente der Story daraus logisch ableiten – Tonalität, Thema, Handlungsorte, Figuren und Plot.

So ist die Einheit des Effekts sichergestellt.

Klare Sache: Poe war "Plotter", nicht "Pantser"
Erst plotten, dann schreiben

So viel wie nötig, so kurz wie möglich

Damit die emotionale Wirkung möglichst intensiv zur Geltung kommt, muss der Text kurz sein.

So kurz, dass er sich in einem Rutsch lesen lässt.Denn je länger die Lektüre dauert, desto eher wird der Leser von anderen Dingen abgelenkt.

Gedichte und Kurzgeschichten sind für Poe darum übrigens wirkungsvoller als Romane.

Kinofilme funktionieren nach demselben Prinzip: Wir lassen uns in den Kinosessel fallen und sind für zwei Stunden in einer anderen Welt. Überflüssige Kommentare unseres Sitznachbar gehen uns auf die Nerven. Sie stören die Illusion.

Wie logisch ist die Trauer?

Es sei dahingestellt, wie zwingend logisch Poes eigene Herleitung seines Gedichts „Der Rabe“ („The Raven“) ist. Seine Erklärung wirkt eher wie eine nachträgliche Beschreibung eines kreativen Prozesses, der auch ganz andere Richtungen hätte einschlagen können. Vielleicht handelt es sich um bloßes Understatement?

Poe jedenfalls beschreibt, wie er ein Gedicht komponiert. Traurig soll es werden, hat sich der Dichter vorgenommen. Aber wovon soll es handeln? So kommt er auf die Antwort:

„Nun fragte ich mich (…): „Welche Vorstellung empfindet die Menschheit im allgemeinen als die traurigste?“ – „Die des Todes“, war die sichere Antwort. „Und wann“, forschte ich weiter, „ist diese traurigste Vorstellung zugleich am poetischsten?“ – (…) „Wenn sie aufs innigste mit der Schönheit verknüpft ist. Der Tod einer schönen Frau ist also fraglos das poetischste Thema der Welt (…)“.

Ein Evergreen, von der griechischen Mythologie bis Twin Peaks
E.A. Poes Obession: Oft zitiert, noch öfter kritisiert und in zahllosen Werken nachgeahmt

Poes „Philosophie der Komposition“ heute

Dem radikal logischen Ansatz von Poe werden heute die wenigsten Schriftsteller folgen.

Aber eine Einsicht ist so aktuell wie vor 170 Jahren: Poe erinnert uns daran, dass Texte für den Leser da sind. Und Leser suchen zuerst und vor allem intensive Emotionen.

Figuren, Welt, Plot und auch wir Autoren selbst sind nur Mittel zu diesem Zweck.

Schreiben wie Edgar Allan Poe

  • Welche emotionale Wirkung willst Du mit einer Szene oder einer ganzen Geschichte erzielen? Spannung? Ekel? Furcht? Schrecken?
  • Welche Themen, Figuren, Orte oder Ereignisse transportieren diese Emotion am besten?
  • Welche Figur fühlt die Emotion am stärksten – und eignet sich damit als Held bzw. als Identifikationsfigur für den Leser?
  • Hast Du Deine Geschichte so kurz wie möglich und streichst alles Überflüssige?
  • Reicht Deine Storyidee für einen Roman aus? Vielleicht wäre eine Novelle, eine Kurzgeschichte oder ein Gedicht die bessere Wahl?
  • Hast Du die Plotstruktur notiert oder wenigstens einen groben Umriss der Ereignisse im Hinterkopf?

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Titelbild: pixabay/storymonster

6 Gedanken zu „Edgar Allan Poe: Die Logik von Schönheit und Tod“

  1. Ich möchte ergänzen, dass die Existenz an sich als trauriges Thema dem Tod in ‚Nichts‘ nachsteht.

    • Mag sein. Aber es ist ziemlich schwierig, die Trauer über die Existenz als solche in eine lesbare Story zu packen.
      Eine Figur sterben zu lassen ist viel einfacher. In gewisser Weise ist der Tod greifbarer als das Leben. 😉

      • Es ist aber durchaus möglich und gerade die Bücher, die das geschafft haben, wie Dostojewskis Werke (insbesondere „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“) oder die der Existenzialisten, wie Camus „Der Fremde“ oder Sartres „Der Ekel“ oder der Beatniks, wie Kerouacs „Big Sur“ gehören zu den interessantesten Büchern der Literaturgeschichte, weil sie uns sehr viel über unsere eigene Psyche erzählen. Sie sind damit aber auch nicht so Mainstream-freundlich.
        Ich habe mich selber mal an soetwas versucht. Herausgekommen sind dabei einmal eine Novelle („Das Erwachen des letzten Menschen“) und einmal ein Roman ( „Crackrauchende Hühner“), die ich dann auch beide publiziert habe und gute Kritiken erhielt, aber einfach war das nicht zu schreiben. Und beide haben sich deutlich weniger verkauft, als meine Anthologien mit meinen klassischen Horrorgeschichten im Lovecraft- oder Poe-Stil. Dass die Existenz an sich bereits sehr erschreckend ist, stimmt, aber die meisten Menschen werden damit anscheinend nicht so gern konfrontiert, wie mit dem Tod.

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