H. P. Lovecraft: Vorschläge zum Geschichtenschreiben

(Vorläufige Festlegung von Idee und Handlung.)

1. Erstelle eine Zusammenfassung oder ein Szenario der Ereignisse in chronologischer Reihenfolge – nicht in der Reihenfolge, in der du sie später erzählen willst. Beschreibe die Handlung so ausführlich, dass du alle wichtigen Punkte abdeckst und alle geplanten Ereignisse begründest. Manchmal ist es sinnvoll, Einzelheiten und Anmerkungen hinzuzufügen oder die Konsequenzen bestimmter Ereignissen zu bewerten.

2. Erstelle eine Zusammenfassung oder ein Szenario der Ereignisse in der erzählten Reihenfolge, hinreichend ausführlich und detailliert sowie mit Anmerkungen zu wechselnden Perspektiven, Betonungen und Höhepunkten versehen. Passe die ursprüngliche Zusammenfassung daran an, wenn das die dramatische Wirkung oder ganz allgemein die Kraft der Geschichte steigert. Füge nach Belieben neue Ereignisse ein oder streiche bestehende Ereignisse – fühle Dich niemals an Dein ursprüngliches Konzept gebunden, selbst wenn das Endergebnis eine Erzählung ist, die sich komplett von der ursprünglich konzipierten unterscheidet. Ergeben sich im Verlauf der Ausarbeitung bestimmte Ergänzungen und Änderungen, dann setze diese um.

3. Schreibe die Geschichte – schnell, in einem Zug und nicht allzu kritisch, indem du der zweiten Zusammenfassung folgst. Ändere Ereignisse und Handlungsverlauf wann immer der Entwicklungsprozess eine solche Änderung angeraten erscheinen lässt, und fühle Dich keineswegs an einen vorherigen Entwurf gebunden. Wenn sich im Zuge der Ausarbeitung unvorhergesehene Chancen für neue dramatische Wirkungen oder ein lebendigeres Erzählen ergeben, dann füge ein, was dir vorteilhaft erscheint – danach gehe zurück und passe die früheren Teile an das neue Konzept an. Füge ganze Abschnitte ein oder streiche sie, wenn es notwendig oder wünschenswert ist, und erprobe verschiedene Anfänge und Enden, bis du die beste Lösung gefunden hast. Stelle sicher, dass alle Anspielungen und Bezugnahmen in der Geschichte präzise mit dem endgültigen Konzept übereinstimmen. Streiche alles Überflüssige – Wörter, Sätze, Abschnitte, auch ganze Episoden oder Handlungselemente – und prüfe dabei mit gebotener Vorsicht, ob alle Teile stimmig zusammenpassen.

4. Überarbeite den gesamten Text. Achte dabei auf Wortschatz, Satzbau, Rhythmus der Prosa, Proportionierung der Teile, Feinheiten des Tons, Eleganz und Überzeugungskraft der Übergänge (von Szene zu Szene, von behäbig und eingehend geschilderter Handlung zu schnell und skizzenhaft hingeworfener, größere Zeiträume umfassender Handlung und vice versa … etc. etc. etc.), Wirksamkeit von Anfang und Ende, Höhepunkte usw., dramatische Spannung und dramatisches Interesse, Plausibilität, Atmosphäre und verschiedene andere Elemente.

5. Fertige ein sauber getipptes, finales Manuskript an

H. P. Lovecraft: Vorschläge zum Geschichtenschreiben

In bestimmten Fällen empfiehlt es sich, eine Geschichte zu beginnen ohne Zusammenfassung oder auch nur einer Idee, wie sie sich entwickeln und enden soll. Das ist dann der Fall, wenn man die Notwendigkeit verspürt, eine besonders packende oder eindringliche Stimmung oder ein Bild vollständig aufzuzeichnen und auszumalen. In diesem Fall kann es problematisch werden, den so entstandenen Anfang zu begründen oder zu erklären. Natürlich kann es sich im Verlauf der Ausarbeitung dieser Begründung oder Erklärung als vorteilhaft erweisen, den ursprünglich entstandenen Beginn abzuändern – ihn abzuwandeln, bis zur Unkenntlichkeit umzugestalten oder sogar ganz zu streichen.

Hin und wieder haben Schriftsteller einen markanten Stil und verknüpfen Rhythmen und Kadenzen eng mit fantasievollen Assoziationen. In diesem Fall ist es möglich, zu Beginn mit charakteristischen Abschnitten eine Stimmung zu weben und diese Stimmung den Großteil der Erzählung prägen zu lassen.

Hin und wieder ist es wirkungsvoll, sich vorab einen plakativen Titel oder eine Reihe von Titeln auszudenken – Titel von der Art und Weise, die ergreifende Gedankenassoziationen auslösen – und dann die Geschichte um diesen oder diese Titel herum zu schreiben. Ist die Arbeit abgeschlossen, kann der Titel geändert werden.

In seltenen Fällen kann man eine wirkungsvolle Geschichte anhand eines Bildes schreiben.

Oft ist es gut, sich eine Geschichte ausführlich im Kopf zurechtzulegen – mit Anmerkungen –, ehe man sie tatsächlich niederschreibt. Träume die Geschichte gemächlich – langsam – mit allen möglichen Änderungen.

Unheimliche Geschichten gehören einer von zwei Kategorien an: In der einen bezieht sich das Grauen oder das Wunder auf einen Zustand oder eine Erscheinung, in der anderen auf das Handeln von Personen in Verbindung mit einem bizarren Zustand oder einer bizarren Erscheinung.

Hat man sich entschieden für eine Stimmung, ein Bild, eine Situation, eine Sage, ein Gemälde oder einen Höhepunkt, dem man Ausdruck geben will, empfiehlt es sich häufig, die Liste der grundlegenden Erscheinungsformen des Grauens ausführlich durchzusehen, um eine zu finden, die sich für den gegebenen Rahmen besonders gut eignet. Ist das erledigt, muss man seinen gesamten Einfallsreichtum einsetzen, um die gegebene Wirkung anhand des gewählten grundlegenden Grauens auf logische und natürliche Weise zu begründen und zu erklären.

Notiere alle bizarren Ideen, Stimmungen, Bilder, Träume, Konzepte etc. für eine spätere Verwendung. Verzweifle nicht, wenn diese Aufzeichnungen keine logischen Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten scheinen. Du kannst sie schrittweise ausarbeiten und mit  Anmerkungen und Zusammenfassungen versehen, bis du sie schließlich in eine zusammenhängende Erzählstruktur einbauen kannst, die sich für eine literarische Verwendung eignet. Beeile dich niemals. Die besten Geschichten wachsen manchmal sehr langsam – über lange Zeiträume hinweg und mit wiederholten Unterbrechungen bei ihrer Abfassung.

In Geschichten, in denen komplexe philosophische oder wissenschaftliche Grundsätze vorkommen, versuche alle Erklärungen bereits am Anfang anzudeuten, wenn die These aufgestellt wird (wie in Arthur Machens „Die weißen Gestalten“), damit sie die Erzählung selbst und die dramatischen Höhepunkte nicht belasten.

Bereite dich darauf vor, ebenso viel Zeit und Sorgfalt für die Formulierung der Zusammenfassung wie für das Schreiben des Textes selbst aufzuwenden – denn die Zusammenfassung ist das wahre Herz einer Geschichte. Die wirklich schöpferische Leistung beim Schreiben erzählender Prosa liegt im Erschaffen und Formen der Geschichte in der zusammenfassenden Kurzform.

Habe keine Bedenken, zwei oder mehr der Grundformen des Grauens einzuführen, vorausgesetzt, die natürliche und innere Logik der Geschichte erfordert es. Stelle jedoch sicher, dass deine Geschichte absolut logisch und realistisch bleibt, ausgenommen in jenem einen Aspekt, in dem du von der Realität abweichen willst.

Manchmal empfiehlt es sich, aus einem gegebenen Element des Grauens eine Geschichte halb unverantwortlich und spontan zusammenzubrauen, dieses Element im Verlauf weiterzuentwickeln , es zu verändern, wenn es wünschenswert erscheint, und es in Form einer losen, weitschweifigen Synopse aufzuzeichnen. Aus diesem unbekümmerten Entwurf lässt sich oft eine echte Geschichte formen.

Um einen ansprechenden Höhepunkt sicherzustellen, empfiehlt es sich manchmal, zuerst den Höhepunkt in allen Einzelheiten aufzuschreiben und ihn dann in einer großen Zusammenfassung zu erklären.

Manchmal kann auch eine völlig bizarre und ausgefallene Herangehensweise angebracht sein. Eine Zeit, eine Szene oder andere Elemente, die ganz und gar fremdartig oder nicht-menschlich sind.

Der Essay Suggestions for Writing Story erschien erstmals in The Notes & Commonplace Book, Lakeport, The Futile Press, 1938.

Deutsche Übersetzung: Storymonster

Titelbild: Storymonster unter Verwendung eines Bildes von Wikimedia Commons.

(c) Storymonster 2019

3 Gedanken zu „H. P. Lovecraft: Vorschläge zum Geschichtenschreiben“

  1. Vielen Dank für diese Übersetzung und die visuelle Aufarbeitung von Lovecrafts Schreibtipps 🙂 Ist wie immer klasse geworden.

    Übrigens bin ich länger nicht mehr hier gewesen, weil irgendwie dein Newsletter immer in meinem Spamordner landet und ich erst heute das bemerkt habe. (Weiß nicht woran das liegt, vielleicht an irgendwelchen Tools, die du dafür verwendest?) Vielleicht ist das schon länger so, aber ich sehe gerade, dass du ein neues Webseitendesign hast. Gefällt mir, da es doch deutlich Benutzerfreundlicher ist, wobei ich an deiner Stelle vielleicht noch den weißen Hintergrund durch irgendein Graues Nebelmuster o.ä. ersetzen würde, damit das nicht so klinisch weiß ist und stattdessen mehr so eine Horror-Atmosphäre verströmt. 🙂

  2. Ah und ich weiß jetzt auch, warum ich nicht öfters hier vorbeigekommen bin: Ich folge dir ja auf Instagram, aber da bist du schon lange nicht mehr aktiv. Wäre vielleicht super, wenn du dort immer das Artikelbild postests, wenn ein neuer Artikel erscheint, damit deine Follower es mitbekommen? Würde ich zumindest top finden!

    Ansonsten, vielen Dank für deine Superarbeit!

    • Hi Nikodem,
      lieben Dank für Dein Lob und Dein hilfreiches Feedback.
      Das ist mir sehr wichtig.
      Stimmt, ich habe Instagram & Co. vernachlässigt.
      Aktuell bleibt mir wenig Zeit für den Blog, da fällt viel hinten runter.
      Den Newsletter-Versand prüfe ich!

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