Rezi: Eugene Thacker, Im Staub dieses Planeten

Eugene Thacker ist Philosoph, Autor und Professor für Media Studies an der The New School in New York. Thacker liebt Schopenhauer, Bataille, Heidegger, Lovecraft und überhaupt die tintenschwarze Meta-Aufklärung. Er trägt schwarze Krawatten, schwarze Hemden, schwarze Anzüge. Und er hat ein Buch über Horror und Philosophie geschrieben, das bizarre mediale Blüten getrieben hat: In the Dust of this Planet (Zero Books, 2011). Grund für den Hype war die erste Staffel von True Detective (2014): Serienautor Nic Pizzolatto nannte das Buch eine seiner Inspirationen.

Im Jahr 2020 erschien Im Staub dieses Planeten bei Matthes und Seitz erstmals auf Deutsch. Was steht drin? Ist es wirklich der große Wurf? Und muss wirklich jeder Horrorautor das Buch kennen?

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Im Staub dieses Planeten

Unser Wissen hat Grenzen, sagt Thacker. Das zeigen uns immer wieder Kriege, Naturkatastrophen und Pandemien. Sie erinnern uns schockartig daran, dass es mehr gibt als die Menschenwelt, die „Welt-für-uns“.

Es ist etwas Unheimliches da draußen, das sich unserem Wissen und unserer Kontrolle entzieht. Jenseits der Welt-für-uns existiert eine zweite und dunkle: Die „Welt-an-sich“. Thacker nennt sie auch „Erde“.

Die Welt-an-sich ist die Welt, insofern sie Gegenstand der Naturwissenschaften ist. Gegenstand der Wissenschaft? Klingt doch ganz transparent? Naja: Die Welt-an-sich gibt der Wissenschaft zwar immer mehr von sich preis, enthüllt sich aber niemals ganz. Jede Antwort wirft neue Fragen auf. So viel wir über Organismen, Materie und Kosmos auch erfahren – unsere Erkenntnisse werfen doch immer neue Schatten.

Auf diese Schattenwelt kommt es Thacker an: Sie ist der nie aufgehende Rest, der sich allen Theorien und Mikroskopen entzieht. Diesen Bereich des Nicht-Wissens nennt Thacker „Welt-ohne-uns“ oder „Planet“.

Was können wir über die Welt-ohne-uns aussagen? Nichts. So ist die Welt-ohne-uns ja definiert: Sie ist das Unsagbare, der blinde Fleck der Wissenschaft, das absolut Fremde. Thacker beruft sich hier ausdrücklich auf die Tradition der negativen Theologie, also die Lehre, dass sich über Gott nichts positiv aussagen lässt. Ersetze „Gott“ durch „Welt-ohne-uns“ und du bist bei Thacker. 

 

Rezi: Eugene Thacker, Im Staub dieses Planeten

 

Wo früher Gott war, ist heute das Grauen

Und was hat das alles mit dem Horrorgenre zu tun? Ganz einfach: Die Grenzen und das Jenseits des Wissens sind das bevorzugte Thema von (übernatürlichen) Horrorgeschichten. Neben dem Horror gibt es nur einen einzigen weiteren Zugang zur Welt-ohne-uns, nämlich die Mystik. Zugespitzt könnte man mit Thacker sogar sagen: Horror ist Mystik.

Horror ist nach dem Tod Gottes die letzte Möglichkeit, eine religiöse Erfahrung zu machen. Und das ist keine schöne Erfahrung. Thacker: „Was wir heute als übersinnlichen Horror betrachten, wäre in früheren Zeiten durch die Sprache der Dunkelheitsmystik oder der negativen Theologie beschrieben worden.“ Horror ist der Versuch, etwas über das Unnennbare zu erzählen, die blinden Flecken des Wissens auszuloten. Man könnte auch sagen: Wo der Logos aufhört, beginnt nicht Gott – sondern das Grauen.Rezi: Eugene Thacker, Im Staub dieses Planeten

 

Welt-für-uns, Welt-ohne-uns, negative Theologie: Mit diesen Begriffen im Gepäck nimmt Thacker seine Leser mit auf eine wilde Reise durch die (Sub-)Kulturgeschichte, die ich hier nicht einmal ansatzweise wiedergeben kann. Es geht um Black Metal, Dämonologie, Mystik, kosmischen Pessimismus, Agrippas okkulte Philosophie, magische Beschwörungen und die interessante Feststellung, dass die innere Widerspüchlichkeit des Lebens – und nicht etwa der Tod – den wahren Horror ausmacht.

Im Staub dieses Planeten ist ein faszinierendes, aber auch anstrengendes Buch. Thacker bedient sich bei den Werken zahlreicher Mystiker und Philosophen. Dabei wirft er Ideen aus zig Jahrhunderten und Denkgebäuden durcheinander. Klare Definitionen und Argumente sind seine Sache nicht. Aber die zahllosen Unschärfen gleicht Thacker durch Originalität aus.

Wer sich für die Theorie des Horrorgenres interessiert, kommt an Im Staub dieses Planeten nicht vorbei.

© Storymonster 2021

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