Horror lieben. Teil 1: Lust auf Nacht und Angst

Horror ist kein einheitliches Genre. Sondern ein Sammelbegriff für eine ganze Reihe von Storytypen mit völlig unterschiedlichen Fans.

Leser von E.A. Poe und H.P. Lovecraft werden Stephen King und Dean Koontz nicht zwingend schätzen. Wer Geistergeschichten mag, geht vielleicht den Splattergeschichten eines Edward Lee oder Wrath James White aus dem Weg.

Horror lieben. Teil 1: Lust auf Nacht und Angst
Edward Lees „Bighead“: Blutfest für Gorefreunde.

Horror lieben. Teil 1: Lust auf Nacht und AngstWarum ist das so? Weil wir als Horrorleser verschiedene emotionale Erfahrungen suchen. Wir suchen Adrenalin oder Erkenntnis, Befreiung oder Erlösung. Und manchmal alles auf einmal.

Adrenalin: Rausch im Blut

Droht Gefahr, schießt Adrenalin durch unseren Körper und setzt enorme Kräfte frei. Unser Denken schrumpft auf eine Frage: Kämpfen oder fliehen? Dieser Mechanismus hat uns in Urzeiten häufig den Hintern gerettet. Heute leben wir deutlich entspannter. Wir haben unsere Fressfeinde nahezu ausgerottet und Wälder in Städte aus Stein und Stahl verwandelt. Eigentlich könnten wir durchatmen. Eigentlich.

Denn die Evolution unserer Körperchemie hat mit der kulturellen Entwicklung nicht schrittgehalten. Unser archaisches Alarmsystem kann mit der technologisch geprägten Welt nur schlecht umgehen.

Ernst Jünger - Zitat - Das Gefäß, das dem vollen Zustrome verschlossen ist, wird tropfenweise erfüllt. So ist Langeweile nichts anderes als die Auflösung des Schmerzes in der Zeit

Mit der Komfortzone ist die Langeweile gewachsen.

Wir sind rastlos. Irgendetwas fehlt. Das Herzrasen, wenn wir jagen oder fliehen.

Das Gefühl, am äußersten Rand des Lebens zu stehen und in den Abgrund zu starren.

Langeweile ist Schmerz. Schmerz, der sich nur durch einen emotionalen Adrenalinkick kurieren lässt.

Guter Horror gibt uns diesen Kick.

Lass Deine Leser virtuell erleben, was ihnen ihr echtes Leben – hoffentlich? – nicht gibt. 

 

Erkenntnis: Lektionen in Sterblichkeit

Andere Leser schätzen an Horrorliteratur eine alternative Deutung der Welt.

Horror ist die Antithese zur Think-Positive-Ideologie, die unser Denken heute so seicht und langweilig macht. Horror schert sich nicht viel um Tabus. Hier kommen Themen zur Sprache, die der Mainstream meidet.

Glaubenssätze geraten ins Wanken. Insbesondere die Illusion, wir lebten in einer sicheren Welt, in der doch irgendwie gerecht zugehe. Dass die schlimmsten Unglücke nur den anderen passieren. Und dass jede Geschichte mit einem Happy End aufhört.

Franz Kafka: Zitat. Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

Schauergeschichten erzählen vom Verdrängten, von den hässlichen Schattenseiten des Lebens. Sie erzählen von Tod, Wahnsinn, Perversion, Verbrechen und Verfall. Sie lassen eine feindliche, tödliche Welt durch die alltägliche hindurchscheinen.

Leser dieses „existenziellen“ Horrors suchen eher die intellektuelle als die physische Aufregung. Sie wollen in eine philosophische Achterbahn einsteigen und Grenzen überschreiten.

Brich ihre Gewissheiten auf und stoße sie heraus aus ihrem gewohnten Denken und Fühlen. So weit heraus wie möglich.

Weiter geht´s in Horror lieben, Teil 2: Rebellen gegen die Vernunft.

 

© 2017 Storymonster

Titelbild: Pixabay

6 Gedanken zu “Horror lieben. Teil 1: Lust auf Nacht und Angst”

  1. Hast du das Buch Danse Macabre von King und die Literatur der Angst von Lovecraft gelesen? Und kennst du die Terror-Management-Theorie? Ich glaube diese liefert auch einen interessanten Aspekt zu dem Thema.
    Ich habe vor kurzem eine wissenschaftliche Arbeit geschrieben, bei der ich Lovecrafts Roman „Der Fall Charles Dexter Ward“ anhand der Terror-Management-Theorie analysiert und dabei auch psychoanalystisch untersucht habe, warum Menschen sich Horror „antun“ und warum einige Menschen dabei besonders Lovecraft mögen. Sobald sie bewertet wurde und ich sie verteidigt habe, schicke ich sie dir zu. Das könnte sehr interessant für dich sein.

    • Die Terror-Management-Theorie kannte ich nicht, danke Dir. Hab’s eben gegoogelt, wirklich extrem spannend. Erinnert auf den ersten Blick ein bisschen an Erich Fromms „Der autoritäre Charakter“. Schick Deine Arbeit dann gern rüber!

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