Uncanny Valley: Zur Psychologie des Unheimlichen

Menschen sind seelisch konservativ, sagt der Psychologe Ernst Jentsch in seinem berühmten Essay Zur Psychologie des Unheimlichen von 1906. Wir lieben das Vertraute und fürchten das Neue. Warum? Weil wir uns machtlos fühlen, wenn eine Information nicht in unser Bezugssystem passt.

E. Jentsch: Zur Psychologie des Unheimlichen
Jentsch: Psychologie des Unheimlichen

Uncanny Valley: Zur Psychologie des Unheimlichen

Wir haben Angst, die Kontrolle einzubüßen. Also suchen wir Zuflucht in Alltag und Routine.

Wenn etwas absolut Fremdem begegnen, zieht es uns den Boden unter den Füßen weg. Wir verlieren die Orientierung. Uns wird unheimlich.

Und genau das willst Du mit Deiner Horrorgeschichte erreichen.

Grund genug, uns die Psychologie des Unheimlichen und das Uncanny Valley näher anzusehen.

Die Kluft zwischen Sein und Nichts

Nicht alles Fremde ist unheimlich. Aber vieles. Ernst Jentsch sagt, dass uns besonders ein Phänomen die Haare zu Berge stehen lässt:

Der „Zweifel an der Beseelung eines anscheinend lebendigen Wesens und umgekehrt darüber, ob ein lebloser Gegenstand nicht etwa beseelt sei, und zwar auch dann, wenn dieser Zweifel sich nur undeutlich im Bewusstsein bemerklich macht.“

Richtig übel wird es, wenn ein „lebloses Ding als Theil eines organischen Geschöpfs, besonders auch in anthropomorphistischer (also: menschenähnlicher) Weise“ erscheint.

Wachsfiguren und Puppen gehören in diese Kategorie, aber auch Sinnestäuschungen. Und Leichen:
„Auch das Grauen, welches der tote Körper, besonders des Menschen, Totenschädel, Skelette und ähnliche Dinge verursachen, wird grossentheils dadurch erklärlich, dass bei diesen Dingen der Gedanke an eine latente Beseelung immer so nahe liegt.“

Die Seelenmaschinen des Uncanny Valley

Das Allerunheimlichste sind nach Jentsch Dinge, die neben der Gestalt auch Verhaltensweisen von Menschen besitzen, also beispielsweise menschenähnlich laufen oder sprechen. Er meint in erster Linie „automatische Figuren“, die Urgroßväter unserer Roboter.

„Die anfänglich vollkommen leblos erscheinende Masse verräth durch ihre Bewegung plötzlich eine ihr innewohnende Energie. Diese kann psychischen oder mechanischen Ursprungs sein. Solange nun der Zweifel an der Beschaffenheit der wahrgenommenen Bewegung und damit Unklarheit über ihre Ursache anhält, besteht bei dem Betroffenen ein Gefühl des Grauens.“

Zeichnung von E. T. A. Hoffmann zu seinem Buch "Der Sandmann" (Wikimedia Commons)
Zeichnung von E. T. A. Hoffmann zu seinem Buch „Der Sandmann“ (Wikimedia Commons)

Je „feiner der Mechanismus und je naturgetreuer die gestaltliche Nachbildung wird“, desto stärker das Entsetzen. Im Sinn hat Jentsch dabei Olimpia, den „Automaten“ in E.T.A. Hoffmanns Schauergeschichte Der Sandmann. (Wobei: Wirkt Olimpia tatsächlich unheimlich? Oder eher komisch?)

Umgekehrt werden uns Menschen unheimlich, wenn wir in ihrem Geist etwas unkontrollierbar „Mechanisches“ am Werk sehen, etwa bei epileptischen Anfällen. (Auch darüber lässt sich streiten.)

Uncanny Valley: Im Tal der Doppelgänger

Im Anschluss an Jentsch hat der japanische Robotik-Experte Masahiro Mori 1970 den Begriff „Uncanny Valley“ (Unheimliches Tal) geprägt.

Mori fragte sich: Wie realistisch muss ein Roboter oder fiktiver Charakter sein, damit wir ihn als „echt“ betrachten und sympathisch finden? Man sollte meinen: je realistischer die Simulation, desto sympathischer. Aber das ist nicht der Fall.

Tatsächlich klafft eine „Akzeptanzlücke“: Ab einem gewissen Realitätsgrad fällt die Akzeptanz rasant ab – und steigt erst wieder, wenn Mensch und Ding nahezu identisch sind.

Die Meisten mögen hochstilisierte Charaktere lieber als solche, die zwar menschenähnlich, aber in Details von uns verschieden sind.

Uncanny Valley - Grafik mit Beispielen - Definition
Schematische Darstellung des Uncanny Valley. Quelle: Wikimedia Commons

Der Polarexpress: Entgleist im Uncanny Valley

Das Uncanny Valley fordert vor allem Hersteller von Computerspielen und Animationsstudios. Ab einem bestimmten Detailgrad der Figuren beschleicht die Zuschauer ein unheimliches Gefühl. So erging es nicht wenigen bei dem Kinderfilm Der Polarexpress (2004).

Nach dieser Schlappe haben Unternehmen wie Pixar zwei Lösungen entwickelt: Sie statten nicht-menschliche Charaktere mit menschlicher Psychologie aus oder stellen Menschen bewusst mit überzeichneten, trickfigurenhaften Proportionen dar.

Das Uncanny Valley für Horrorautoren

Ein Genre aber profitiert seit jeher vom Uncanny Valley – der Horror. Wie E.T.A. Hoffmann lassen Autoren und Filmstudios noch heute unmenschliche Wesen auf ihr Publikum los. Zombies, Puppen, Androiden: Sie alle wirken menschenähnlich und sind doch nicht menschlich.

Dazu gibt es sogar eine Studie: Survival Horror Games – An Uncanny Modality (2009). Angela Tinwell von der University of Bolton zeigt darin, dass die Furcht vor einem Charakter mit dessen visueller Nähe/Ferne zum Menschen zusammenhängt.

Ihre Top-Liste des Unheimlichen:
1) Mangel an menschenähnlicher Mimik und Stimme
2) Übertriebene Mundbewegungen beim Sprechen
3) Mangelnde Synchronisierung von Lippenbewegungen und Worten

Die Wiederverzauberung der Welt

Manche sagen, das global-digitale Dorf habe seine Brücken über das Uncanny Valley geschlagen. Das Grauen sei passé, wie man bereits am Niedergang der Schauergeschichte ablesen könne. Ich behaupte das Gegenteil.

Schon das harmlose Beispiel »Der Polarexpress« zeigt, wie die Digitalisierung erkenntnistheoretische Gewissheiten erschüttert. Allen voran die vertrauten Unterschiede zwischen „echter“ und künstlicher Intelligenz, „echter“ und virtueller Realität. Und das ist erst der Anfang.

Google und unser Smartphone scheinen uns besser zu kennen als wir selbst. Dabei begreifen die wenigsten, welche Algorithmen oder auch nur Hardware dahintersteckt. Zugleich kommen Computerchip-Implantate in Mode. Menschen werden Maschinen ähnlicher und Maschinen den Menschen.

Der technologische Fortschritt hat die Aufklärung überholt. Das 21. Jahrhunderts wirft viele in die psychische Orientierungslosigkeit, von der Ernst Jentsch sprach.

Stehen wir vor einer Wiederverzauberung der Welt im Zeichen des Unheimlichen? Werden wir alle zu paranoiden Bewohnern des Uncanny Valley? Sind wir es bereits?

Hoffen wir es. Gute Zeiten für Horrorautoren!

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3 Gedanken zu “Uncanny Valley: Zur Psychologie des Unheimlichen”

  1. Sehr interessanter Artikel, der auch super zu dem aktuellen Revival von Philip K. Dicks Werken (als Filme, und auch als Serien), der dieses Thema immer wieder in seinen Werken aufgriff, und der überall auftauchenden Debatten rund um das Thema K.I., Digitalisierung und Robotik passt.
    Vielen Dank dafür!

    • Danke, Nikodem. Philip K. Dick hatte ich beim Schreiben gar nicht auf dem Schirm. Dabei ist vor allem Blade Runner ein Paradebeispiel, wie man mit der Thematik Mensch/Android spielen kann. In der klassischen SciFi wäre noch Isaac Asimov mit seinem Foundation-Zyklus zu nennen.

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