Stephen King: Die drei Farben der Angst

Je stärker die Emotionen, desto stärker die Geschichte. Diese allzu einfache Gleichung verleitet Anfänger im Schreiben von Horrorstorys bisweilen dazu, eine Splatter-Szene nach der nächsten in die Tasten zu hauen.

Stephen King: Die drei Farben der Angst
Leser lieben Abwechslung

Auf die durchschnittene Kehle folgt der ausgeweidete Familienhund folgt ein explodierendes Gehirn folgt …

Aber das ist ein Fehler, sagt Stephen King.

Denn auch der Schrecken wird schnell zur Gewohnheit und damit langweilig.

Genauso öde aber ist es, wenn das Monster überhaupt nicht in Erscheinung tritt und der Leser mit bloßen Andeutungen abgespeist wird.

Die Lösung liegt in der Mitte.

Es gilt, die gesamte Tonleiter der Angst zu spielen und insbesondere auch die leisen Saiten anzuschlagen.

 

 

Stephen King: Ein Tanz mit der Angst

„Danse Macabre“ ist Pflichtlektüre für jeden angehenden Horrorschriftsteller. In dem Buch beschreibt Stephen King an einer Stelle, welche Gefühle eine Gruselgeschichte auslösen soll.

Stephen King: Die drei Farben der Angst
Schatztruhe für Horrorautoren: „Danse Macabre“

Stephen King: Die drei Farben der AngstLaut King gibt es drei emotionale Dimensionen des Horrors, die in nahezu jeder guten Geschichte enthalten sind.

1. Terror: Das unbekannte Grauen

„Psst … Hast Du das Schaben und Kratzen gehört? Irgendetwas lauert dort im Schrank …“ Terror ist die Angst vor dem Unbekannten.

Der Autor spielt mit Hinweisen und Andeutungen, er enthüllt das Monster nicht – das Schreckliche existiert nur in der Fantasie des Lesers.

Diese „softe“ Schreibmethode eignet sich besonders dazu, Spannung aufzubauen.

Eine Terrorszene kann sich darum über mehrere Seiten ziehen. Leser fragen sich unweigerlich, was es mit dem Monster auf sich hat.

Und sie sehnen mit Angstlust den Moment herbei, an dem sich die Schranktür öffnet und –

2. Horror: Der sichtbare Schrecken

Andeutungen sind nicht genug: Irgendwann muss das Monster aus dem Schrank. Es springt aus dem Nebel, die Fantasie des Lesers nimmt eine feste Form an.

Jetzt erlebt der Held das Schreckliche hautnah: Der Serienkiller starrt ihm ins Gesicht. Das stinkende Ding erhebt sich aus dem fauligen Sumpf. Der Angriff steht unmittelbar bevor …

3. Ekel: Der plötzliche Schock

Das Monster schlägt zu. Körper platzen, Gedärme klatschen an die Wand, Menschen werden geschändet. Es gibt keine Tabus mehr. An dieser Stelle verlassen zartebesaitete Zuschauer das Kino und schlagen Leser das Buch zu.

Ekel ist darum mit größter Behutsamkeit einzusetzen. Es ist meist effektiver, die Szene in einem kurzen Blitzlicht einzufrieren, als die Kamera lange draufzuhalten. Ein bis drei Sätze genügen.

Von Edgar Allan Poe bis Edward Lee

Stephen King: Die drei Farben der Angst
Meister der Angst: H.P. Lovecraft

Stephen King: Die drei Farben der AngstDie meisten Autoren mischen die drei Dimensionen.

Dabei legen sie aber den Schwerpunkt auf eine von ihnen und setzen die beiden anderen nur an wenigen Stellen gezielt ein.

Natürlich gibt es auch Geschichten, die eine der Ebenen völlig auslassen.

Beispielsweise verzichten E.A. Poe und H.P. Lovecraft in vielen ihrer Gruselgeschichten auf den Ekel-Faktor und setzen durchgängig auf den Terror-Aspekt.

Am anderen Ende der Skala stehen die Splatterfilme wie Saw oder die Bücher von Edward Lee mit ihrem extrem hohen Gore- und Gewaltlevel.

Terror, Horror und Ekel in der Plotstruktur

Die drei Dimensionen lassen sich auch als Eskalationsstufen des Schreckens verstehen.

Beispielsweise steigert sich im ersten Akt der Terror, wenn erste Anzeichen des Grauens erscheinen, sich langsam verdichten und konkreter werden.

An einer Schlüsselstelle des Plots, häufig zu Beginn des 2. Akts oder am Mittelpunkt, springt das Monster aus dem Schrank und schlägt zu – das ist Horror.

Nicht selten eskaliert der Horror dann in Ekel-Szenen, bis schließlich das Monster besiegt oder der Held gefressen ist.

Nutze die Schreibtipps von Stephen King

  • Welche Angst willst Du in Deinem Leser auslösen?
  • Hat Deine Story zu viele – oder zu wenige – drastische Szenen?
  • Hast Du eine der Emotionen vernachlässigt?

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Titelbild: pixabay

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