Dan Wells: Das Monster aus dem Schrank lassen

Dan Wells: Das Monster aus dem Schrank lassen
Ein Beispiel für Wells Technik: „Ich bin kein Serienkiller“

Dan Wells: Das Monster aus dem Schrank lassenDie größte Angst ist die Angst vor dem Unbekannten, schrieb H.P. Lovecraft.

Für Horrorautoren ist das eine Herausforderung.

Denn eine Bedrohung, die ich sehen und einordnen kann, hat ihren Schrecken schon fast verloren.

Der Autor Dan Wells („Ich bin kein Serienkiller„) hat dafür eine Lösung entwickelt.

Die größte Kunst beim Schreiben von Gruselgeschichten

Steht das Monster erst einmal auf der Bühne, ist es nur noch halb so furchterregend.

Darum besteht die vielleicht größte Kunst beim Schreiben von Horror- und Gruselgeschichten darin, das Wesen des Antagonisten möglichst lange zu verbergen und die Auflösung hinauszuzögern.

Lovecrafts Tipp für Autoren
„W-w-was war das für ein Geräusch? – Ah, schau an. Es ist nur ein Monster.“

Stephen King nennt das Gefühl, das dabei im Leser entsteht, „Terror“. 

Genial auf die Spitze getrieben ist das Prinzip in Blair Witch Project, meint Stephen King in seinem Buch „Danse Macabre“.

Das Monster ist nicht ein einziges Mal zu sehen – und trotzdem ist der Film verdammt gruselig.

In der Fortsetzung Blair Witch 2: Book of Shadows dagegen sehen wir die Hexe, und es mag keine Spannung aufkommen.

Horror schreiben wie Dan Wells

Meistens kommen wir aber nicht umhin, die Katze – oder den Werwolf – irgendwann aus dem Sack zu lassen. Aber wann genau? Und wie lässt sich die Spannungskurve trotzdem oben halten?

Die vielleicht besten Schreibtipps zum Thema gibt Dan Wells, Autor von „Ich bin kein Serienkiller“ („I´m not a Serial Killer“), in dem Podcast Writing Excuses.

Wann sollte das Monster erscheinen?

Dan Wells lässt seine Monster zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt auftreten:

  • Wenn der Held gewarnt ist. Das Monster taucht nicht aus dem Nichts auf, sondern wirft seine Schatten voraus. Im Leser wachsen Furcht und Spannung. Beispiel: der Tankstellenwärter in diversen Splatterfilmen, der die späteren Opfer vor der Weiterfahrt in den tiefen, bösen Wald warnt.
  • Wenn das Monster den maximalen Schaden anrichten kann. Also in einer Situation, in der für die Hauptfigur besonders viel auf dem Spiel steht oder in der sie wehrlos ist – wie unter der Dusche in Psycho oder im Schlaf in Nightmare – Mörderische Träume.

Wie sollte das Monster erscheinen?

Wells schlägt zwei Strategien vor, den Antagonisten mit dem größtmöglichen Knalleffekt zu zeigen. Beide zielen darauf ab, die Erwartungen des Lesers zu brechen und ihn so zu überraschen.

  • Radikal anders. Das Monster entpuppt sich als etwas völlig anderes als gedacht: „WTF? Der Serienmörder aus den Nachrichten ist in Wahrheit meine Tante Hildegard?“
  • Enorm mächtig. Das Monster ist noch viel mächtiger als erwartet: Der riesige Hai, der in Jaws in der Mitte des Films gefangen wird, sieht verglichen mit dem tatsächlichen weißen Hai aus wie eine Forelle.

Geschickte Antizipation ist also alles. Wie Du das Monster zu Anfang Deiner Geschichte anmoderierst bestimmt darüber, wie sehr Deine Leser es fürchten. Baue eine starke Erwartungshaltung auf – und dann brich oder übertriff sie noch, indem Du das Monster ganz anders oder viel mächtiger erscheinen lässt.

Impulse für Deine Story

  • Brichst Du die Erwartungshaltung des Lesers?
  • Wie könnte das Monster „radikal anders“ erscheinen?
  • Wie könntest Du das Monster noch mächtiger gestalten?

 

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2 Gedanken zu “Dan Wells: Das Monster aus dem Schrank lassen”

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