Emotional erzählen mit Motivation Reaction Units

Leser wollen Deine Geschichte erleben, als wären sie selbst dabei. Wie erzeugst Du diese Illusion? Mit »Motivation Reaction Units« (MRU; Motivation-Reaktion-Einheiten).

Nahezu jeder Bestsellerautor nutzt die Schreibtechnik des Schriftstellers Dwight Swain.

Hier erfährst Du, wie Du Deine Story mit MRUs auf ein neues Level hebst.

Was sind Motivation Reaction Units?

Dwight Swain Motivation Reaction Units MRU Zitat Deutsch

Motivation Reaction Units sorgen dafür, dass sich Dein Leser mitten in Deiner Geschichte fühlt.

Wie der Name schon sagt, bestehen sie aus zwei Teilen: einem motivierenden Reiz und der Reaktion Deines Charakters.

Was ist eine Motivation? Alles, worauf Dein Charakter reagiert.

Was ist eine Reaktion? Alles, was Dein Charakter als Folge auf den Reiz tut.

Beides folgt vom ersten bis zum letzten Satz immer wieder aufeinander: Motivation-Reaktion-Motivation etc.

Wie schreibt man Motivation Reaction Units?

Du schreibst MRUs, indem Du abwechselst zwischen dem, was Dein POV-Charakter wahrnimmt (Motivation) und dem, was er tut (Reaktion).

Die Motivation ist extern: Dein Charakter kann sie sehen/hören/riechen/schmecken/fühlen.

Beschreibe die Motivation in einem Absatz. So objektiv, dass sie Deinem Leser klar vor Augen steht.

Der nächste Absatz enthält die Reaktion des Charakters auf die Motivation. Sie ist innerlich und subjektiv. Dabei gilt es eine exakte Reihenfolge einzuhalten: fühlen, handeln, sprechen.

Die Reaktion beschreibst Du in einem von der Motivation getrennten Absatz (oder einer Reihe von Absätzen). Stünde sie im selben Absatz, würde das den Leser verwirren.

Was macht eine wirkungsvolle Motivation aus?

Dein Fokus-Charakter fühlt, denkt, tut und/oder sagt etwas in Folge eines motivierenden Reizes, der auf ihn einwirkt. Laut Dwight Swain muss die Motivation drei Merkmale erfüllen.

1. Bedeutung für den Charakter. Der Reiz erscheint dem Charakter so, wie er die Welt wahrnimmt. Wir sehen den Reiz nicht durch die Augen des Charakters, wohl aber durch seine Brille. Die Motivation spiegelt seine Haltung, seinen Geisteszustand, seine Meinungen wider.

Der fanatische Gläubige nimmt eine Kirche anders wahr als der eingefleischte Atheist, also müssen wir sie auch anders beschreiben, andere Details hervorheben. Und auch in Büchern gilt: »Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen« (Wittgenstein).

Auch das Genre spielt eine Rolle: In einer Liebesschnulze wird der Rosenstrauch anders beschrieben als in einer Horrorstory oder Komödie.

2. Relevanz für die Geschichte. Der Reiz beschreibt nicht nur, was ist. Er bringt auch die Story voran.

3. Anreiz für den Leser. Nicht zuletzt muss die Motivation auch Deinen Leser dazu bringen, die nächste Seite aufzuschlagen. Damit scheiden Details aus, die keine Spannung erzeugen oder den Charakter passiv verharren lassen.

Was braucht eine spannende Reaktion?

Die Reaktion ist komplexer als die Motivation, denn es handelt sich um innere Prozesse, die zeitlich aufeinanderfolgen. Die Reaktion ist subjektiv. Wir stellen sie so dar, wie sie der POV-Charakter erlebt – aus der Innensicht.

Motivation Reaction Units MRU Dwight Swain Infografik DeutschWenn man einen Werwolf sieht, folgt in den ersten Millisekunden nur eines: blanke Angst.

Direkt darauf folgt eine reflexartige, instinktive Handlung, etwa eine Waffe zu ziehen oder davonzurennen.

Erst eine Sekunde später können wir denken, handeln, sprechen.

Die Reaktion besteht also aus drei Phasen:

  1. Rohe Emotion
  2. Reflex bzw. instinktive Handlung
  3. Rationale Handlung

Nicht jede Motivation erfordert alle drei Phasen. Häufig reicht es aus, nur die rationale Handlung zu zeigen.

Wir können einen oder zwei der drei Teile weglassen. Nur nicht alle drei, sonst gäbe es keine Reaktion.

Wichtig: Die Reihenfolge muss dennoch stimmen. Wenn es einen Reflex gibt, muss dieser immer nach dem Gefühl kommen. Wenn es eine rationale Aktion gibt, muss diese immer zuletzt kommen.

Auf dieser Weise ist die Reaktion perfekt strukturiert. Faustregel: Je wichtiger und spannender die Situation ist, desto detaillierter wird sie beschrieben.

Beispiel für eine Motivation Reaction Unit

Der Werwolf sprang aus dem Gebüsch und knurrte Willi an. (Motivation)

Wir beschreiben objektiv, was der Fall ist. Als würden wir die Szene in einem Video sehen. Nichts deutet darauf hin, dass wir uns in Willis Sichtweise befinden – jeder andere Beobachter würde dasselbe wahrnehmen. Dann folgt die Reaktion:

Adrenalin schoss durch Willis Adern. (Rohe Emotion)

Er legte seine Schleuder an, zielte auf das Herz des Werwolfs und ließ die Silberkugel hervorschnellen. (Reflex)

»Stirb du Hund!« (Rede)

Wir müssen den gesamten Komplex der Reaktionen in dieser Reihenfolge darstellen, von der schnellsten Zeitskala bis zur langsamsten. Sonst fühlt sich die Szene nicht richtig an und die Illusion der Realität ist zerstört. Auch, wenn alle Fakten enthalten sind.

Was kommt nach der Reaktion? Eine weitere Motivation – die nächste MRU beginnt.

Die Kugel streifte die rechte Schulter des Werwolfs. Er brüllte, dann sprang er Willi an die Kehle.

Schreibe jede Szene als eine Sequenz von MRUs. Was nicht Teil einer MRU ist, muss raus. Alles.

Wie lernt man Motivation Reaction Units?

Die Theorie ist einfach, aber MRUs zu schreiben anfangs brutal schwierig. Die strenge Struktur fühlt sich an wie ein Korsett – vor allem, wenn Du bisher beim Schreiben Deiner Fantasie freien Lauf gelassen hast.

Es braucht viel Übung, bis Du quasi automatisch in Motivation Reaction Units schreibst. Aber der Aufwand lohnt sich. Denn keine Schreibtechnik hebt Deine Geschichte so zuverlässig auf ein höheres Niveau.

Dwight Swain: Techniques of the Selling Writer
Erfahre mehr über MRUs im Standardwerk von Dwight Swain

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